Gaunerbanden - Widdershausen aktuelles Projekt

Chronik Widdershausen
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Gaunerbanden

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Räuber- und Gaunerbanden in Hessen
Dem fehdelustigen Ritter hat sich häufig kriminelles Gesindel angehängt und in der Spätzeit eines seiner Aufgaben und seines Sinnes beraubten Rittertums gerät der Ritter selbst nicht selten in eine bedenkliche Nähe zum Kriminellen, wird die Fehde zum reinen Erwerbsgeschäft. Beim Landsknecht oder Soldat sieht die Praxis viel später nicht anders aus als beim Ritter. Dem beschäftigungslosen Landsknecht kommt im Rahmen der bandenmäßigen Eigentumskriminalität eine besondere Bedeutung zu.
Die Entartung des Fehdewesens und Verwilderung des Soldatenstandes im 30 jährigen Krieg mit ihren Folgen auch für die Zivilbevölkerung, das sind verbrecherische Elemente, die zur Entstehung des Berufsverbrechertums beigetragen haben.
Der Nährboden ist die Landstraße, ihre Wurzeln sind das fahrende Volk, das sich in einem durch die Jahrhunderte nicht abreißenden Elendszug über die Straßen des Mittelalters wälzt. Neben den beschäftigungslosen Landsknechten und Soldaten und der Riesenschar von Markentenderinnen, Dirnen, Troßjungen und anderen Nachzüglern, der in Kriegszeiten einem Söldnerheer zu folgen pflegt, gehören zu dieser Schar landlos gewordene Bauern, dann die große Zahl der Geächteten und der Landesverwiesenen. Der aus der Gesellschaft Ausgestoßene wird dem Verbrechen erst recht in die Arme getrieben. Es gehören weiter dazu Bettler, wandernde Spielleute, Gaukler und Schausteller, auf der Wanderschaft entgleiste Handwerksgesellen, das Gelehrtenproletariat ihrem geistlichen Stand entlaufener Priester und Mönche, fahrende Scholaren und Bacchanten, ein Gelehrtenproletariat, das sich vom sonstigen Proletariat der Landstraße allenfalls durch die Kenntnis einiger latainischer Sprachbrocken unterscheidet.
Idealisierte Darstellung einer Gaunerbande im frühen 19. Jahrhundert
Seit den Kreuzzügen kommen zu den Fahrenden hinzu die Opfer der Judenverfolgungen und der bis in das 16. Jahrhundert hinein in Abständen immer wieder erfolgenden Austreibung der Juden aus den Städten. Soweit es diesen, ihrem Wesen nach seßhaften und städtischen Menschen, nicht gelingt, im ländlichen Handel Fuß zu fassen und sich eine neue Existenz zu Gründen, bleibt Ihnen nur die Landtraße. Das bedeutet wie stets auch in diesem Fall für die Ausgestoßenen Isolierung und Rechtlosigkeit inmitten einer feindlich-ablehnenden Gesellschaft. Das führte entwurzelte Juden schließlich zu einer der jüdischen Eigenart sehr fernliegenden Art der Kriminalität, einer gewaltsamen Raubkriminalität, wie ihre starke Beteiligung an den Räuberbanden des 18. Jahrhunderts zeigt; es erklärt auch den erheblichen Anteil hebräisch-jiddischer Sprachbestandteile am Gauner-Rotwelsch.
Das Gaunertum hat durch den großen Krieg seine Vollendung gefunden und bildet eine verfestigte soziale Schicht die, nicht seßhaft durch die Lande ziehen, von Raub und Diebstahl lebt, vielfach über Ländergrenzen hinweg verfilzt und verflochten, die sich ihr eigenes Brauchtum und im Gauner-Rotwelsch (einem bunten Flickenteppich von Sprachfetzen aus aller Herren Länder - deutsch, hebräisch, tschechisch, kroatisch, lateinisch, italienisch, zigeunerisch usw.) ihre eigene Sprache geschaffen hat. Sie bilden die Klasse der sogenannten "Jenischen Leute", auch "Jauner" oder "Gauner".
Den hessischen Räuberbanden fehlt der ständige Hauptmann, sie sind locker organisiert, dadurch allerdings auch schwerer faßbar. Die Haupträuber, pflegen gern als große Herren aufzutreten, die an dem zur Ausführung eines Raubes verabredeten Sammelplatz zu Pferde oder in einer Kutsche erscheinen, während das gewöhnliche Räubervolk (die Jungens oder die Rekruten) zu Fuß dorthin marschieren muss.
Um die Bande herum existiert ein großer Kreis von nur lose mit der Bande zusammenhängenden "Kochemern", eigentlich "Kluge", das sind Wissende, Vertraute, Eingeweihte, die die Bandenmitglieder beherbergen, ihnen Schutz und Obdach geben, sie mit Verpfegung, Waffen und Schießbedarf versorgen, für sie als "Baldower", Ausspäher von Diebstahlsgelegenheiten, und als "Scherfenspieler", das sind Hehler, bei denen man die "Sore", das Diebesgut, verwerten kann, tätig sind.
Die Gauner bezeichnen sich selbst als "Kochemer". Den Gegensatz bilden die "Wittischen", die dummen, ehrlichen Leute.
Angehörige der Spessartbande, die 1814 bei Gießen gehängt wurden
An ihren jeweiligen Aufenthaltsort legten sie Wert darauf, als ärmliche, aber bescheidene, und ehrbare Bürger zu gelten, denen man unbedenklich einen Reisepaß ausstellen konnte. Sie legten sich gern ein kleines Gewerbe zu, das im Umherziehen auszuüben ist, was gleichzeitig einen Vorwand für häufige Abwesenheit vom Wohnórt bietet.
Die alten Gaunerlisten enthalten eine Fülle solcher ambulanter Gewerbe, auf denen Vertreter der die Polizei ihr Augenmerk richten solle, da es sich häufig um Gauner handele: Wandermusikanten, Bärenführer, Schausteller, Händler mit Textilien, irdenen Waren oder Zunder zum Feueranmachen, Zinngießer, Kesselflicker, Viehkastrierer, Hörnerbeuger, Maulwurfsfänger, Korbmacher, Lumpensammler, Bürstenmacher, Kammmacher, Knopf- und Schnallenmacher. Nach Aussage von verhafteten Gaunern sind fast sämtliche ambulanten Händler im Lande "kochem", stecken also mit einer Bande unter einer Decke.

Was an weiblichen Wesen zur Bande gehört, hat mit der romantischen Klischeevorstellung von der attraktiven, im Grunde nicht unedlen "Räuberbraut" wenig gemein. Die weiblichen Mitglieder sind regelmäßig die unglücklichsten und elendesten Geschöpfe der Bande. Sind sie einmal in dieses Milieu hineingeraten, ist ein schnelles Absinken auf die unterste Stufe der Prostitution unvermeidlich; sie sind Sklavin und Packesel eines rohen, häufig trunksüchtigen Kerls, geschätzt solange sie jung kräftig sind, aber schnell verstoßen und damit dem Elend ausgeliefert, sobald sie aus irgendeinem Grund lästig werden.
Räuberbande wird in ein schwäbisches Städtchen gebracht, Gemälde von Carl von Häberlin 1879
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts nennt Schwencken die Orte und Gegenden die in jener Zeit als Gaunerquartiere (Jenisch: Cochemerpenne)
berüchtigt sind:
Melgershausen (Kreis Melsungen), Kassdorf bei Homberg/Efze, Eiterhagen, Römersberg bei Borken, Dohrenbach im Kreis Witzenhausen, einzelne Häuser in Wilhelmshausen an der Fulda, Eltmannshausen und Datterode, Ellershausen, Rasdorf (Kreis Hünfeld), Herfa, Widdershausen und Heringen an der Werra, Kleinensee und Großensee, Berneburg bei Sontra, Bosserode und einzelne Häuser in Harleshausen bei Kassel.
Die "Ergebnisse einer von dem Großherzoglich-SächsischenKriminalgericht geführten Untersuchung hinsichtlich des Gaunerwesens" durch Richter Dr. Bischoff (1830) zählen speziell für das hessische Grenzgebiet an der Werra auf:
"Wenn man von Großensee nach Rasdorf geht, kommt man an eine Mühle, welche rechter Hand liegt". Gleich hinter der Mühle sei ein versteckter Lagerplatz und Treffpunkt für Gauner. Von Dankmarshausen die Werra entlang sei Buschwerk, "wo - nach der Bekundung eines verhafteten Gauners - im Sommer immer Kameraden sitzen". Gaunerschlupfwinkel seien auch in Hirtenhäusern bei Herleshausen, Widdershausen und Willershausen. In Kleinesee sei fast jedes Haus "kochem", ebenso sei das Landecker Amt (um Friedewald) ein "Diebsparadies".
Namentlich werden der Aufnahme und Beherbergung von Landstreichern bezichtigt:
die Witwe Marwede zu Melgershausen, Dorothea Elisabeth Klinke zu Hof Weiden bei Allendorf, der Feldhüter Sauer zu Datterode (bei Sontra), ein Töpfer in Rasdorf, Heinrich Eckhard zu Herfa, Christiane und Marie Hofmann zu Widdershausen, der Feldhüter Hofmann zu Heringen, verschiedene Einwohner zu Kleinensee, der Besitzer der Schleifmühle in Großensee, der Feldhüter Stein zu Großensee, der Feldhüter Andreas Hofmann zu Teppich (Dippach) bei Berka und Christian Nennstiel und mehrere Einwohner zu Bosserode.
 
Auffallend ist die große Anzahl von ehemaligen Flur- und Feldhütern in den Gaunerlisten jener Zeit.
 
Ermordung des Landlieutenant Emeraner auf der Glashütte in Hirzenhain durch die Bande des Galantho
28.          Georg Harting, vulgo Brabänter genannt, bildete zusammen mit seinem Bruder Nicolaus Joseph Harting eine Räuberbande, die große Bande genannt, diese     trieb ihr Unwesen in kurhessischen und benachbarten Ländern. Im Sommer 1802 Kramladendiebstahl bei Georg Volkmann zu Heringen an der Werra. Im August 1803 Diebstahl in Silkerode bei Duderstadt und 1807 Diebstahl beim Kaufmann Wedekind in Silkerode im Harz. 1807 Bleichdiebstahl zu Schildhof bei Richelsdorf. Im September 1810 Kesseldiebstahl in Lengers an der Werra. Im Sommer 1811 wieder ein Diebstahl auf dem Schildhof bei Richelsdorf. Er wurde 1811 verhaftet und nach Marburg geliefert, wo er 1815 im Kerker starb. Er hat Christiane Hofmann aus Widdershausen (402) zur Beischläferin gehabt.

351.       Nicolaus Joseph Harting, vulgo Klaus der Brabänter von Simmeren (Hunsrück) in Westfalen 1781 gebürtig. Er wurde 1811 in Tambach (Württemberg) verhaftet und nach Marburg geliefert, dort brach er aus, wurde wieder eingefangen und 1816 auf Lebenslang zu den Eisen verurteilt und sitzt seit 1822 noch im Zuchthaus Ziegenhain ein.

75.          Emiliane Bindemann aus Großensee im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach Sie ist 45 Jahre alt und ist mit der fallenden Sucht behaftet. Sie ist eine Tochter vorn Arnold Bindemann. Im Jahre 1811 wurde sie zu Hersfeld mit Conrad Koch (Nr. 512) und anderen Vagabunden zu zweimonatlicher Zuchthausstrafe verurteilt, und im August 1819 mit Johann Ditmar und anderen in Kassel eingebracht, wo sie im April 1820 mit dem Verbot der Rückkehr an ihren Geburtsort verwiesen wurde.

79.          Johannes Georg Spangenberg aus Heringen an der Werra (Kurhessen). Er ist im Jahre 1812 im Stockhause zu Kassel, wohin er zu Marburg wegen Diebstahls auf Lebenszeit verurteilt war, mit Tode abgegangen. Er ist wahrscheinlich ein Bruder des Valentin Spangenberg (Nr. 1001).

84.          Anton Bommer aus Leimbach bei Heringen in Kurhessen
Er ist 29 Jahre alt, er ist im Herbst 1813 aus dem Stockhause in Kassel entwichen, wohin er im Jahre 1810 zu Marburg wegen Diebstahls auf 4 Jahre verurteilt war.

319.       Joseph Gram aus Bosserode (Kurhessen).
Er zog um das Jahr 1811 als irden Geschirrhändler umher und hatte seine Hauptniederlage zu Bosserode (Kurhessen).
Er ist verheiratet mit Christiane Weidemann mit welcher er 6 Kinder hatte, von denen sich das älteste, Carl Friedrich Gram, damals 13 Jahr alt, beim Ackermann Schäfer zu Widdershausen (Kurhessen) aufhielt.
Er war beteiligt an den Diebstählen im Sommer 1811 zu Schildhof bei Richelsdorf.

367.       Johannes Heiderich aus Heringen an der Werra (Kurhessen)
Er ist 35 Jahre alt 1786 geboren, wurde im Jahre 1814 wegen Straßenraubes auf 12 Jahre zu den Eisen verurteilt, aber im September des gedachten Jahres begnadigt.

399.       Hofmann, die Familie aus Widdershausen (Kurhessen).
Der Stammvater dieser berüchtigten Gaunerfamilie heißt Johann Gottfried Hofmann vulgo Schützendendel, angeblich aus Erfurt (1735-1817) gebürtig.
Er starb am 08.11. 1817 in Widdershausen.
Er war verheiratet mit Magdalena Hofmann geb. Ostermann (7. April 1751 - 11. April 1817) aus Nordhausen in Thüringen.
           Derselbe war bald an diesem, bald an jenem Orte, zuletzt in Eschwege und Widdershausen (Kurhessen) Feldhüter, zog mitunter heimatlos umher, befand sich im Jahr 1809 wegen Verbindung mit Gaunern zu Hersfeld in Untersuchung und ist im Jahr 1817 zu Widdershausen (Kurhessen) gestorben. Seine Kinder, sämtlich dem Gaunergesindel angehörig, sind:
Christiane Hofmann (Nr. 402)
Johann Michael Hofmann (Nr. 34 d.V.)
Anna Maria Hofmann (Nr. 400)
Christian Hofmann (Nr. 304)
Johannes Hofmann (406).
Die ganze Familie ist katholisch.

400.       Anna Maria Hofmann in Silkerode im Harz (1788 bis nach 1853) geboren.
Sie ist 28 Jahre alt und eine Tochter des Johann Gottfried Hofmann (Nr. 399).
Nachdem sie sich eine Zeitlang bei Josef Schlimgen aufgehalten hatte, gesellte sie sich dem schwarzen Konrad (Nr. 153) als Beischläferin zu. Sie wurde im Jahr 1809 mit diesem und ihrem Bruder Johann Michael (34 d.V.) im Isenburgschen arretiert und nach Mainz, von da aber nach Langenselbold geliefert, wo sie im April 1810 aus dem Gefängnis entsprang. Nachher wurde sie wieder nach Marburg gefänglich eingebracht, dort aber im Jahr 1814 in Freiheit gesetzt.
Anna Maria Hofmann aus Widdershausen wurde mit 65 Jahren aus dem weiblichen Zuchthaus der Stadtkaserne zu Kassel am 15. Dezember 1853 entlassen. Sie war wegen Markt-Diebstahls seit dem 23. Juni 1852 inhaftiert.

402.     Dorothea Christiana Hofmann in Silkerode im Harz (*25.12.1785 bis nach 1853) geboren.
Sie ist 33-35 Jahre alt (Schwencken September 1821), von mittlerer Größe und starker Statur, hat schwarze Haare, graue Augen, längliche spitze Nase, breiten ausgeworfenen Mund, rundes Kinn, gesunde Gesichtsfarbe.
Sie ist eine Schwester der Anna Maria Hofmann (Nr. 400) und begleitete den Georg Harting (Nr. 28 d.V.) eine geraume Zeit als Beischläferin auf seinen Raubzügen, saß im Jahr 1808 mit andern ihres Gelichters unter dem Namen Christiane Schröder in