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Flucht 1961 - Widdershausen aktuelles Projekt

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Chronik Widdershausen

Flucht 1961

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Flucht Lindewerra 1961

1961 flüchten Hugo Gastrock, seine Ehefrau Elisa und deren Sohn Erhard mit Ehefrau Gerda (Firmeninhaber in 3. und 4. Generation Stockhandwerk) in den politischen Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam schaffen sie es von dem in der DDR liegendem Heimatort Lindewerra nach Oberrieden in Hessen. Bei der Flucht über die noch unbefestigte Grenze durch die Werra in den Westen lässt Hugo Gastrock sein Haus, Freunde und Verwandte sowie sein Land und die Stockfabrik zurück. Die Familie gelangte nach Oberrieden (heute ein Stadtteil von Witzenhausen) in Hessen. Dort bauten sie unter schwierigen Bedingungen die Produktion von Gehstöcken erneut auf.
Aufnahme des Fluchtversuchs 1961 Grenzmuseum Schifflersgrund Flucht der Familie Gastrock durch die Werra. Die seltene Aufnahme entstand durch hessische Mitarbeiter Zollgrenzdienstes September 1961, im Hintergrund erkennt man noch den Traktor an dem das Seil über die Werra befestigt wurde, an dem die Familie und ihre wenigen Habseligkeiten an das Westufer der Werra kamen.
Gerda Gastrock zu Besuch im Grenzmuseum Schifflersgrund, in dem die Flucht ihrer Familie durch die Werra 1961 dokumentiert ist.
Gerda Gastrock als Judendliche in Lindewerra, auch Gerda flüchtete im September 1961 durch die Werra von Lindewerra nach Oberrieden
Erhard Gastrock flüchtete zusammen mit seiner Frau Gerda im September 1961 durch die Werra von Lindewerra nach Oberrieden
Die Wochen vor der Flucht sind höchst aufregend für alle Beteiligten, ja zermürbend. Denn man ist sich uneins: Der Vater, der in den 50er-Jahren als politischer Häftling einsaß, will unbedingt weg, auch weil die Zwangsumsiedlung aus dem Sperrgebiet droht. Die Mutter aber will bleiben. Der Vater setzt sich durch.
Die Gelegenheit ist günstig an jenem Nachmittag des 25. September. Denn es ist die unruhige Zeit des Mauerbaus. Die sowjetischen und DDR-Grenztruppen hatten wenig Personal im Grenzabschnitt zwischen Lindewerra und Wahlhausen postiert, die Grenzer werden andernorts, auch in Berlin gebraucht.

Als unweit der Brückenfundamente die Familie Gastrock gesichert mit einer Leine in die Werra steigt, herrscht herrliches Spätsommerwetter und – wichtiger noch – Niedrigwasser: Die Werra ist nur hüfttief. Erhard Gastrock hat zuvor tagelang bei der Feldarbeit an der Werra die Lage sondiert, und er hat Kontakt mit den westdeutschen Grenzern aufgenommen.
Sie sind es denn auch, die den Impuls zur Flucht geben: mit einem Wink. Das ist für die Gastrocks das Signal. Um 14 Uhr fahren sie mit dem Traktor bis ans Ufer. Der Vater befestigt ein Seil am Traktor. Dann steigen sie in das Wasser. Der Vater stützt die Mutter, nimmt das Seil mit auf die Westseite, wo die Grenzer warten. Dann befestigen Erhard (28) und Ehefrau Gerda (22), die Kunststoffsäcke mit dem Hab und Gut, am Seil und lösen es vom Traktor. Die Grenzer packen an, ziehen das Seil samt Hab und Gut ans Ufer. Geschafft! Sie sind in Sicherheit, in Freiheit.
„Wir haben fast alles zurückgelassen, was wir in Generationen aufgebaut hatten“, sagt Erhard Gastrock. „Das war schwer.“ Das Waten durch den am 25. September 1961 friedlich dahinfließenden Fluss am entstehenden Todesstreifen war ein Gang ins Ungewisse: „Wir wussten ja überhaupt nicht, was uns erwartet.“ Lediglich, dass sich der Bruder des Vaters, Stadtbaumeister Gastrock aus Bad Sooden-Allendorf, sofort nach der Flucht um die Familienangehörigen kümmern würde.
Dennoch: Sie mussten zur Erfassung ins Lager nach Gießen. „Wir wussten nicht, wo wir landen werden“, sagt Gerda Gastrock. „Die Flucht war leicht und glücklich“, sagte er und meint die Art und Weise, verglichen mit anderen weit gefährlicheren und spektakuläreren Fluchtversuchen, die bekannt geworden sind.
Das Fazit, das Erhard Gastrock ein halbes Jahrhundert danach zieht, klingt nüchtern, ist aber hoch emotional: „Aus dem Staube gemacht und Glück gehabt.“ Doch es war mehr als Glück, es war ein Plan, die Gunst der Zeit, da es noch keinen Zaun gab und der unbedingte Wille, es zu tun.
Sechs Wochen nach ihrer Ankunft folgten Gerdas Mutter und Schwester, was die Freude und das Glück über den Neuanfang vervollständigte.
Knappe Meldung in der Niederhessischen Presse über die Flucht am 26. September 1961
Die bei der Flucht am 26. September 1961 in Lindewerra zurückgelassene Stockwerkstatt
Die Flucht der Familie Gastrock über die Werra im Jahr 1961 ist eine bemerkenswerte Episode in der Geschichte der deutsch-deutschen Teilung. Die Familie, die für ihr traditionelles Stockhandwerk bekannt ist, flüchtete im September 1961 aus der DDR in den Westen. Diese Flucht fand in der Nähe von Lindewerra statt, und die Besonderheit dieser Aktion war die Unterstützung durch hessische Mitarbeiter des Zollgrenzdienstes.
Hugo Gastrock, seine Ehefrau Elisa und deren Sohn Erhard sowie dessen Ehefrau waren an dieser Flucht beteiligt. Die Mitarbeiter des Zollgrenzdienstes halfen ihnen nicht nur bei der Flucht, sondern dokumentierten diesen Vorgang auch fotografisch. Diese Fotos und Dokumentationen sind heute im Grenzmuseum Schifflersgrund ausgestellt, das an die Geschichte der innerdeutschen Grenze und die zahlreichen Fluchtversuche erinnert.

Quellen:
Hessische/Niedersächsische Allgemeine (HNA), Einfach durch die Werra, 23.09.2011, 17:47 Uhr
https://www.zeitzeugenmemorial.de/zeitzeugen/gerda-gastrock/
https://www.gastrock.de/ueber-uns/
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